Nov 24

Auf dem richtigen Weg

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Das Schweizer Nationalkader der Rhythmischen Gymnastik ist mit der Qualifikation für den olympischen Test-Event im Januar 2012 auf der «Road to London» einen grossen Schritt weitergekommen. Swiss Olympic hat die Gymnastinnen in Magglingen besucht.

Im Spagat nach London

Seit 20 Jahren ist die gebürtige Deutsche Heike Netzschwitz in der Schweiz als Cheftrainerin der Rhythmischen Gymnastik tätig. Obwohl sie viele Rückschläge einstecken musste, steht sie mit ihrem Nationalkader heute ganz nahe an einer Olympia-Qualifikation.

Existenzängste

1996 wurde im Schweizerischen Turnverband (STV) diskutiert, die Rhythmische Gymnastik aufgrund geringer Erfolgsaussichten nicht weiter auf Spitzensport-Niveau zu betreiben. Eine Diskussion, die für Cheftrainerin Heike Netzschwitz überraschend kam. «Wir hatten 1992 begonnen, eine neue Struktur mit fünf regionalen Leistungszentren (RLZ) in der ganzen Schweiz aufzubauen. Zusätzlich betreuten wir eine Gruppe, die sich in der Vorbereitung für die Juniorinnen-Europameisterschaft 1997 befand. Dass unsere Sportart hinterfragt wurde, hat mich schockiert, da es im Vorfeld dieser Diskussionen keine Hinweise auf ein solche Entscheidung des STVs gegeben hatte.» Viele Anhänger der Rhythmischen Gymnastik haben sich damals jedoch dafür eingesetzt, den Spitzensport weiterhin beizubehalten. Schliesslich konnten sie sich damit durchsetzen. Die Entscheidung wurde an den Europameisterschaften 1997 durch den hervorragenden achten Platz der Schweizer Juniorinnen bestätigt.

In den darauffolgenden Jahren hat die Rhythmische Gymnastik durchaus ansprechende Resultate an Welt- und Europameisterschaften erzielt, jedoch liess die Konstanz dieser Ergebnisse zu wünschen übrig. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die jungen Gymnastinnen, welche in das Nationalkader nach Magglingen aufgeboten wurden, noch ein ungenügendes Niveau aufwiesen.

Das Ziel ist es heute, Mädchen, die den Sprung nach Magglingen schaffen, bereits zuvor auf ein bestimmtes Niveau gebracht zu haben. «Es wäre schön, wenn die Gymnastinnen bereits weiter wären, wenn wir sie zu uns holen. Sie sind mit der neuen Situation, oftmals weg von der Familie, der alten Schule, von Freunden und Bekannten, schon fast überfordert. Hinzu kommt, dass sie die grossen Trainingsrückstände aufholen müssen.» Der Grund dafür ist gemäss Netzschwitz aber nicht ein fehlendes Engagement der Trainerinnen in den RLZ , sondern die finanzielle Situation. Bisher war es kaum möglich, die zwei nötigen Trainerinnen pro RLZ zu beschäftigen. Vor knapp zehn Jahren wurde die Rhythmische Gymnastik öffentlich in Frage gestellt, heute scheint sich die Sportart etabliert zu haben – dennoch kämpfen die Trainerinnen und Trainer immer noch mit Basisproblemen.

Das gewisse Etwas

Einige der Mädchen im Nationalkader hat Heike Netzschwitz bereits als 13-jährige nach Magglingen beordert. «Manche waren vielleicht von der Leistung her gesehen noch nicht soweit», räumt Netzschwitz ein. «Manchmal sehe ich eine Gymnastin und weiss, die hat etwas, was ich will. Talent, das gewisse Etwas, die figürlichen Voraussetzungen, Beweglichkeit, eine spezielle Ausstrahlung, den Willen, es bis ganz nach oben zu schaffen.» Auch das aktuelle Nationalkader setzt sich so aus unterschiedlichen Mädchen zusammen. Stephanie Kälin ist mit ihren 16 Jahren die Jüngste im Team. Grazil und anmutig schreitet sie mit ihren Teamkolleginnen über den Teppich, der für sie die Welt bedeutet. Die bulgarische Nationaltrainerin Vesela Veselinova Dimitrova, die Netzschwitz seit einigen Jahren unterstützt, gibt Anweisungen in Richtung des Teppichs. «Hoch, hoch». Die Beine schnellen in die Höhe, Spagate, Verrenkungen, und trotz aller Anstrengungen bewahren die Gymnastinnen stets ein Lächeln auf den Lippen. Das Training in der Gruppe besteht aus einem zweistündigen Einturnen, welches Balletttraining sowie Übungen zur Beweglichkeit, Kraft und Koordination umfasst. Erst danach wird zu den Handgeräten gegriffen und eine Choreografie in der Gruppe geübt.

«London 2012» vor Augen

Das grosse Ziel liegt in greifbarer Nähe: Zum ersten Mal überhaupt hat ein Schweizer Nationalkader der Rhythmischen Gymnastik eine realistische Chance, an Olympischen Spielen teilzunehmen. «Wir wollen unbedingt nach London», sind sich die Mädchen einig. Dank einem hervorragenden achten Platz im Mehrkampf und einem vierten Platz im Finale an der Weltmeisterschaft in Montpellier dieses Jahr konnte sich das Team für die Olympia-Test-Events qualifizieren. Im Januar fliegen sie nun nach London, wo sie zwei Tage hintereinander auftreten. «Am Test-Event müssen wir gegen die harte Konkurrenz bestehen», sagt Heike Netzschwitz. Für die Vision «Olympia» hat Netzschwitz in Absprache mit Eltern und Schulen alle Mädchen für ein Jahr aus dem normalen Schulbetrieb genommen. «Wir trainieren zur Zeit etwa 40 Stunden in der Woche.» Die Zielvorgabe ist klar definiert: Das Team soll Körpertechnik und Synchronisation verbessern. Zudem sollen die noch jungen Mädchen eine Wettkampfstärke entwickeln, eine gewisse Härte und Disziplin.

Emotionen im Training

«Man mag sagen, wir Trainer seien hart», erzählt Netzschwitz. Sie ist aber überzeugt, dass Stabilität nur durch strenges und kontinuierliches Training erreicht werden kann. «Wir wollen in den Trainings und Testwettkämpfen Drucksituationen erschaffen, die die Mädchen bewältigen müssen. Wenn es Stabilitätsfehler gibt, müssen sie ein zusätzliches Training am Samstagnachmittag oder Montagmorgen absolvieren, was dann wiederum eine nur kurze Heimfahrt nach Hause bedeutet. Es zeigt aber auch, dass, wer einen Fehler macht, vielleicht noch nicht so weit ist, auf internationalem Niveau zu bestehen.» Wer eine Übung bereits 1000 Mal absolviert habe, wisse selbst, dass man es könne. Netzschwitz will niemandem etwas einreden, niemandem Selbstvertrauen schenken, das er selbst nicht hat. So will sie Fehler, wie zum Beispiel den Verlust eines Geräts, auch nicht Zufall oder Glück überlassen. «Wer mehr trainiert, hat mehr Glück», sagt sie. Netzschwitz fordert von den jungen Gymnastinnen alles, ist aber im Gegenzug auch bereit, alles zu geben. «Ich will Emotionen im Training verarbeiten. Ich möchte die Tränen nicht an einer WM oder an den Olympischen Spielen sehen. Deshalb sehe ich Rück-und Tiefschläge auch als Momente im gesamten Trainingsprozess, die nicht überbewertet werden sollten. Der Weg ist das Ziel.»

Das Team als Familie

Das Nationalkader, zurzeit bestehend aus bis zu sieben Mädchen, ist mittlerweile stark zusammengewachsen. «Ich kenne die Mädchen gut. Ich weiss, wie sie funktionieren und wie wir im Training und Wettkampf mit Ihnen umgehen müssen , um eine optimale Leistung zu erreichen. Jede reagiert anders, jede hat Stärken und Schwächen, die innerhalb des Teams zu tragen kommen.» Heike Netzschwitz stellt die Teilnahme als Gruppe allerdings nie in Frage. «Einzeln hätten wir keine Chance, es in die Top Ten zu schaffen.»

Bestätigung Olympische Spiele

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London würde für Heike Netzschwitz, das Trainerteam und die Gymnastinnen endlich eine Art Belohnung und Bestätigung für die jahrelang geleistete Arbeit bedeuten. «Ich hoffe, dass wir die Qualifikation schaffen und sich so unser grösster Traum verwirklicht. Wir arbeiten hart für unser Ziel. Mit einer Teilnahme könnten wir die Schweizer Bevölkerung auf diese wunderbare Sportart aufmerksam machen und die neu eingenommenen Ressourcen dazu nutzen, weiter an der Basis zu arbeiten, uns zu verbessern und weiter zu bringen.»

Rhythmische Gymnastik

Rhythmische Gymnastik wurde ab den 40er Jahren mehrheitlich in osteuropäischen Ländern praktiziert. Die Kernelemente sind ein ausdrucksvoller Tanz, der Beweglichkeit und Kraft mit verschiedenen Handgeräten (Seil, Reif, Ball, Keulen oder Band) kombiniert. Seit 1996 ist die Disziplin in der 5er-Gruppe olympisch. Als Begründer der Sportart in der Schweiz gilt der Portugiese Fernando Dâmaso, der von 1975 bis 1988 das Nationalteam betreute. An der WM 2011 in Montpellier zeigte das aktuelle Schweizer Team, das es heute mit der Weltspitze mithalten kann. Das Team um Marine Périchon, Capucine Jelmi, Nathanya Köhn, Stephanie Kälin, Lisa Tacchelli, Carol Rohatsch und die noch verletzte Souheila Yacoub erzielte das beste Schweizer WM-Resultat aller Zeiten und hat nun die Chance, sich für die Olympischen Spiele 2012 in London zu qualifizieren.

http://www.swissolympic.ch/olympiablog/

Nov 14

Bericht Sonntagszeitung

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